Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts hat sich eine Bauform entwickelt, deren spezifisches Merkmal die Auflösung traditioneller, typologischer Kategorien mit sich brachte, das

hochhaus

Über die Entwicklung des Hochhauses in Deutschland bis 1967

 

Dessen Geschichte ist untrennbar mit Amerika verbunden. Die Entwicklung begann in Chicago und New York und bestimmt heute das Stadtbild der Metropolen in der Welt. Fortschritte in: Skelettbau, Gebäubefundierung, Fahrstuhl und Rolltreppe machten die Entwicklung des Hochhauses möglich. Neue Technologien ermöglichten einen neuen Haustypos, gestalterisch aber suchten die Architekten nach Regeln, welche Gestalt diese neue Bauform annehmen sollte. Louis Sullivan (1856-1924) war einer der ersten, der versuchte allgemein gültige Regeln für den Hochhausbau aufzustellen. Seine Theorie orientierte sich am Funktionalismus. Die durch die Skelettbauweise vorgegebene Vertikalität, sowie die durchgehende Fensterfassade, waren ihm wichtiger, als die Jugendstilornamentik. Die drei "f", "form follows funktion", waren sein Lehrsatz. Sullivan dessen frühe Hochhausentwürfe für die Architekturgeschichte von großer Bedeutung sind, diskutierte Ästhetik und Philosophie des Wolkenkratzers in seinem Aufsatz von 1896: "The Tall Office-Building Artistically Considered". Er schreibt: "Welches ist das Hauptmerkmal des großen Bürogebäudes? - Es ist sehr hoch. Und diese seine Höhe ist, vom Künstler aus gesehen, sein erregendes Merkmal. Sie ist der mächtig, schwingende Orgelton. Und das Gebäude hinwieder muß den Dominantakkord dieses Tones, der die Vorstellung reizt zum Ausdruck bringen."

 

 In Europa fand das Hochhaus erst in den Zwanziger Jahren größere Bedeutung. Die Nachwirkung, der Aufwertung der Chicago School, und die Columbia Weltausstellung 1893 als Ausgangspunkt für die Weltweite Verbreitung dieser neuen Bauweise, lassen sich in Deutschland bis weit in die Zwanziger Jahre dokumentieren. Die Konzentration von Kapital und Arbeit in den Städten führte zur Verknappung attraktiven Baugeländes. Ökonomische Raumausnutzung, bei ständig wachsender Bodenspekulation bietet Anlaß zum experimentieren.

 In Deutschland begann das Hochhaus erst in den Sechziger Jahren nachhaltig die Architektur unserer Städte zu prägen. Das Hochhaus war wichtiger Bestandteil der Kontroverse zwischen den konservativen und den modernen Architekturströmungen, im Zusammenhang mit der Neuformulierung städtebaulicher Ziele, die Befürworter der Großstadt waren sich den sozialen und Ästhetischen Problemen bewußt, hielten sie jedoch für lösbar.

 

Deutschland vor 1945

 

Das deutsche Hochhaus sollte sich nicht nur in Namen vom Vorbild des Amerikanische Skyskrapers unterscheiden . Doch was sollte man überhaupt als solches Bezeichnen?  Zum einen gab es die Definition, daß es lediglich die umliegende Bebauung überragt, zum anderen waren zum Beispiel bis 1925 die baupolizeilichen Bestimmungen in Berlin auf 22 m bei maximal fünf Geschossen  beschränkt. Deshalb wurde der Begriff häufig schon auf sechs- oder siebengeschossige Bauten angewandt. Das großflächige Anwachsen der Städte  hat dazu geführt, daß viele ältere Hochhäuser nur noch in historischen Aufnahmen, im ursprünglichen Kontext, als solche zu erkennen sind. Nach dem ersten Weltkrieg entstanden in vielen deutsche Städten eine beachtliche Zahl von Hochhäusern. Sie waren nicht Folge eines dringenden Bedürfnisses, sondern entstanden durch den Wunsch nach Repräsentation und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Das Hochhaus hat etwas mystisches, beeindruckendes, wie schon in Sullivan Zitat, so kommt dies auch in den Essays  von Ada Louise Huxtable in Ihrem Buch "Zeit für Wolkenkratzer" zum Ausdruck: "Als geborene New Yorkerin sollte ich mich eigentlich an Hochhäusern sattgesehen haben. Aber ich reagiere auf das dramatische Schauspiel der Wolkenkratzer heute noch wie jemand, der New York zum ersten mal besucht. Ihre atemberaubende Vielfalt und ihre erschreckende Dichte schaffen eine der aufregendsten Architekturgeschichten die es gibt."

Nach dem ersten Weltkrieg bauten Kommunen und Unternehmen, um ein deutliches Zeichen des Aufschwungs, und als Ende der Wirtschaftskrise zu setzen.

 

Es entstand ein Wettlauf  um das erste Hochhaus . Obwohl der 1922 bis 1924 errichtete Borsig-Turm in Berlin-Tegel zeitgleich mit den ersten Hochhäusern in anderen Städten entstand, erhielt er erstaunlich wenig Publizität. Der breitgelagerte Bau des Chilehauses in Hamburg entsprach nicht der von amerikanischen Vorbildern geprägten Auffassung des Hochhauses als Wolkenkratzer.

 

Den Rang lief allen diesen Bauten das Wilhelm- Marx-Haus 1922-24 in Düsseldorf ab, das bis heute in den Augen Vieler als das erste Hochhaus Deutschlands gilt. Hier war die Typologie deutlich ausgebildet und seine innerstädtische Lage sowie die Repräsentative Gestaltung, hob es von Fabrikhochhäusern und dem Verwaltungsbau des Borsig-Werkes ab. So lief Düsseldorf, eine Großstadt der Provinz, der Metropole Berlin den Rang ab. Der aufstrebende Rhein-Rhur-Wirtschaftsraum als industrieller Mittelpunkt Deutschlands hatte damit seinen Anspruch auf Mitsprache nachhaltig unterstrichen.

 

Das Hochhaus am Hansaring in Köln 1924-25 von Jacob Koerfer gebaut, war bei seiner Entstehung das höchste Haus  Europas, und erntete viel Aufmerksamkeit.

 

Es ist sinnvoll die Hochhäuser ihren Nutzung nach zu untergliedern: als Zentren der Verwaltung, sowohl kommunal (Wettbewerb Rathaus Düsseldorf), wie auch der Industrie (Stummhaus,  Paul Bonatz,  1922-25,  Düsseldorf). Als Tempel des Konsums, Waren- und Handelshäuser (Erweiterung des Warenhauses Breuninger,  Eisenlohr & Pfennig ,  1929-31,  Stuttgart). Auch Banken und Börsen Haben den Typ des Hochhauses gewählt (Stadtbank Gera,  Hans Brand,  1928-29).

 

Immer mehr Netze überzogen Stadt und Land, Hochhausbauten im Dienste der Versorgung: Kraftwerke, Telekommunikation (Oberpostdirektion Stuttgart,  Max Lutz,  1925-29) und Wassertürme. Ein Wasserspeicher in den oberen Stockwerken, war Anfangs sogar nötig um im eigenen Hochhaus genügend Druck zu haben, oder man versorgte damit einen Stadtteil bzw. eine Industrieanlage. Ein ausgefallenes Beispiel dieses Typs stellt der Otto-Mörike Turm in Konstanz dar(Adolf Schuhmacher  1928-31). Der 40m hohe Turm wird bis heute als Jugendherberge genutzt.

 

Auch Verlage größerer Zeitungen demonstrierten die Macht der vierten Gewalt. 1922 fand der berühmte internationale Wettbewerb für den Chicago Tribune Tower statt. Er Präsentierte die volle Kraft und Spannweite der eklektizistischen Epoche. Verlangt war "das schönste und einprägsamste Bürohaus der Welt". Als Sieger des Wettbewerbs gehen Howells & Hood mit ihrem neogotischen Entwurf hervor. Zu den modernen Entwürfen von Walter Gropius & Adolf Meyer oder Bivoet & Duiker aus den Niederlanden war die Zeit wohl noch nicht reif.

Borsig Turm
Wilh. Marx Haus
Chilehaus
Otto Mörike Turm

Das erste richtige Wohnhaus  ist 1927 in Düsseldorf entstanden (Prinz-Georg-Straße). Es wurde nach dem Krieg ohne die beiden Staffelgeschoße wieder aufgebaut. Die erste große Wohnanlage  mit Hochhäusern, steht ebenfalls  in Düsseldorf,  die Siedlung Rheinpark 1928  nach   Plänen   des   Schweizer  Architekten   Wiliam L. Dunkel. 

 

Durch die wachsende Inflation, wurde die Bautätigkeit verlangsamt, bis dann durch den Zweiten Weltkrieg der Hauchhausbau nicht nur in Europa unterbrochen wurde. Das Hochhaus wurde zu einem "Grundübel des Weimarer-Systems" erklärt. .

Chicago Tribune Gropius Chicago TribuneTower

Die Diskrepanz des "Dritten Reiches" zwischen Ideologie und offizieller Politik wird auch im Hochhausbau deutlich. Was sie versuchten im allgemeinen abzulehnen, verwendeten sie dennoch selbst zur Demonstration ihrer eigenen Macht, bei der Planung von "Führerstädten", Gauzentren oder Rathäusern. Allerdings knüpften sie nicht bei der Diskussion der zwanziger Jahre an, sondern bezogen sich auf die denkmalhaften Prototypen eklektizistischer Architektur aus der Zeit vor den Ersten Weltkrieg. Die Vertreter der Moderne emigrierten.  Beeinflußt von Mies van der Rohe, der 1939 in die USA ging entstand die "Second Chicago School of Architektur". Die Curtain-Wall wurde weiterentwickelt und veränderte die Fassadengestaltung nachhaltig.und so kam es dazu, daß zum zweiten mal aus Amerika neue Impulse für den Bau von Hochhäusern kamen.

 

Die Bauten wurden im zunehmenden Maße industriell hergestellt, unterlagen mehr der Standardisierung, die wiederum die Architekten offener machte für die Forderungen der Moderne nach neuen Materialien, einfachen, klaren Formen und strengen, ornamentfreien Außenflächen. Modern - das waren die strengen, abstrakten, elitären, avantgardistischen Arbeiten der Europäer Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier - es waren die Bauten, die mit dem neuen Materialien Eisen (Stahl), Beton und Glas umgingen, sie zeigten und nicht hinter Stein versteckten. Da dieser Stil keinerlei historischen und städtebaulichen Bezüge suchte konnte er bei Bauten überall in der Welt Anwendung finden, was ihm auch den Namen " Internationaler Stil " gab. Die Erkenntnis, daß eine der wichtigsten Voraussetzung im Bauprozess die Konstruktion ist kam in der "Second Chicago School of Architektur" klar zum Ausdruck. Man folgte nicht mehr der Tradition, sondern einer konstruktiven Logik, und versuchte so die Anforderungen an Wirtschaftlichkeit, Nutzen und Wohlbefinden zu erfüllen

Lake-Shore-Drive
Seagram-Building

Bauten in Düsseldorf nach 1945

 

Wie entwickelte sich die Architektur in Deutschland? Wie steht es dort um den Hochhausbau? Wo steht die Moderne, die doch durch die Nationalsozialisten so abrupt unterbrochen wurde? Diese Entwicklung soll hier am Beispiel Düsseldorf erläutert werden, da hierunter anderem Hochhausbauten entstanden sind, die Architekturgeschichte geschrieben haben.

Als in den fünfziger Jahren die Bautätigkeit, nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland, wieder auflebte, stellte sich Düsseldorf wieder in die erste Reihe der deutschen Großstädte. Um die Stadt wieder aufzubauen, rief man im Dezember 1947 Friedrich Tams nach Düsseldorf. Und das war kein Zufall, denn in Düsseldorf sollten sich einige Freunde, alle anerkannte Künstler und Planer sowie einige Politiker des "Dritten Reiches" wieder treffen. Tams dem auch in Ankara 1947 eine Stelle angeboten wurde, war im Wiederaufbauplan der Nationalsozialisten für Lübeck vorgesehen. In relativ kurzer Zeit mehr oder weniger unter Ausschluß der Öffentlichkeit war ein Bebauungsplan für die Stadt erstellt, der von repräsentativen Achsen und historisierenden Fassaden geprägt ist.

Es gründet sich eine Gegenbewegung aus zum größten Teil jüngeren Architekten, der Düsseldorfer-Architekten-Ring. In seiner 1952 verfaßten Grundsatzerklärung  griff der Architekten-Ring den Tams-Plan an, genauso wie die Berufung Julius Schulte-Frolindes, ein Freund Tams´, nach Düsseldorf mit dem Auftrag, ein neues Rathaus zu entwerfen. Das Ergebnis dieses Baus weist eindeutig die Handschrift der historisierenden, steinernen Architektursprache auf, mit der er im "Tausendjährigen Reich" Erfolg hatte.

 

Ein Jahr nach der Entstehung der Lake-Shore-Drive-Apartments von Mies van der Rohe entstand 1952 der Entwurf für das Mannesmannhochhaus am Rheinufer  in Düsseldorf von Paul Schneider-Esleben. Die Vorhangfassade wird bei diesem Bau zum Bestimmenden Element, vollkommen gleichförmig, nur von ihren Proportionen her lebend und vom Kontrast der durchlaufenden Glasflächen zu dem Panelelementen. Da eine Längsseite des Mannesmannhochhauses Nordseite ist, entschied man sich den Gebäudekern mit den WC-Anlagen dort hin zu schieben. Dies war von Vorteil, um eine Großzügige Eingangshalle zu realisieren, wirkte sich jedoch gegen die Lösung des einheitlichen Fassadenbildes aus. Mit diesem Bau ist Wahrscheinlich eines der originalgetreusten Mies van der Rohe Hochhäuser in Deutschland entstanden. Trotz jedoch daß die Lake-Shore-Drive Häuser als Direktes Vorbild galten, bestand kein Zweifel daran, daß Mies diesen "Makel" mit allen Mitteln bekämpft hätte. Das blau-weiße Kleid stammt von Egon Eiermann, der ebenfalls Teilnehmer des Wettbewerbs, auf eigenen Wunsch des Architekten als Berater des Bauherren, seine Hand im Spiel  hatte. Das Mannesmannhochhaus steht wie eine elegante Plastik, selbstbewußt, grazil am Rhein. Die "Blau-Weiße-Lady im Stahlkorsett" nimmt eine prägnante, aber nicht aufdringliche Stellung in der Silhouette Düsseldorfs ein.

Ein Schritt weiter ging das Thyssenhaus von  (Hendrich  Petschnigg + Partner), dessen Wettbewerb sowie die Fertigstellung zwei Jahre später entstand. Was dort gebaut wurde war  "des Angriff auf die Box" (Heinrich Klotz). Die Kiste  bekommt wieder Profil. Viel leicht wieder mehr im Sinne eines Le Corbusier, der die Glatten Flächen der Vorhangfassade als "Celophan-Architektur" bezeichnete. "Dieses Hochhaus beantwortet kühn die Frage, wie ein Wolkenkratzer zum städtebaulichen Erfolg werden kann" (H.R.Hichcook). Wie es ein Wettbewerbserfog werden konnte ist hingegen eine andere Frage. Helmut Hendrich ist ein alter Freund Tams´, und die Vetternwirtschaft war große Mode in diesen Jahren, was sicher nicht nur für Düsseldorf gilt. Der ursprüngliche Entwurf den das Büro HPP im Jahre 1955 eingereicht hatte sah allerdings ganz anders aus. Außerhalb der Konkurrenz hatten die Architekten jedoch eine zweite Konzeption entwickelt. Rechtzeitig hatte sich das Büro dem Stil des "Neuen Kontinents" angepaßt.

Dies alles soll jedoch die architektonische Qualität der Bebauung auf diesem "Filet-Grundstück" Düsseldorfs am Jan-Wellem-Platz nicht schmälern. Mit seiner Nord-Süd-Ausrichtung übernimmt das Hochhaus wichtige städtebauliche Funktionen und Orientierungshilfen. Die Architekten stellten drei schmale Scheiben nebeneinander, die von Norden nach Süden verlaufen: die breiteste und längste in die Mitte, die zwei kürzeren und etwas schmäleren im Osten und Westen. In der Mitte liegt der unbelichtete Kern, an dem sich die drei Scheiben überlappen. Wie beim Mannesmannhochhau stammt die Stahlkonstruktion von der Stahlfirma, die der jeweilige Auftraggeber war.

Mannaesmannhochhaus Düsseldorf
Thyssenhochhaus ll
Thyssenhochhaus innen

 

Bemerkenswert ist auch das Ensemble welches sich aus dem Zusammenspiel des "Dreischebenhauses",wie es von den Düsseldorfern bald genannt wird, und dem niedrigeren Bau des Schauspielhauses von B.M.Pfau ergibt. Pfau war eine der führenden Personen des Düsseldorfer-Architekten-Ringes, also ideologischer Gegner von Hendrich und Tams. Die Spannung aus hoch und niedrig, hart und weich sowie die unterschiedlichen Materialien der Oberflächen lassen eines der Bedeutendsten Architekturensembles des Nachkriegsdeutschland entstehen.

Ende der fünfziger Jahre galt das Thyssenhaus als  eines der schönsten Hochhäuser der Welt, rivalisierend mit dem zur gleichen Zeit entstandenen Seagram-Building auf der Park Avenue in New York.

Die Großgarage Haniel von Paul Schneider-Esleben und das Thyssenhaus von HPP stehen schon unter Denkmalschutz. Zur Zeit laufen Bemühungen das Mannesmannhochhaus , das erste Hochhaus Europas mit dem die Erkenntnisse Mies van der Rohes auf dem alten Kontinent zurückübertragen wurden ebenfalls unter Schutz zu stellen.

 Als Wohnsilo sind Hochhäuser zu Recht ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, da ihr architektonischen, kommunikativen und sozialen Mängel offen zu Tage treten. Allerdings wird  die Problematik unserer Städte nicht durch das Ausweichen auf Ein- oder Zweifamilienhäuser aufgefangen.

 

 

Quellen:

Hochhaus der Beginn in Deutschland,  Rainer Stommer,  1990   Jonas Verlag

HPP,  Hichcook,  Econ Verlag

Deutsche Bauzeitung  3/88

Deutsche Bauzeitung  10/93

Zeit für Wolkenkratzer,   Ada Louise Huxtable,    1986  Archibooh-Verlag

Deutsche Architekten, Werner  Durth, dtv